Stefan Petersohn: Space Hotel 2054

Stefan Petersohn: Space Hotel 2054. Norderstedt Juli 2009, Books on Demand, ISBN 3-839-11424-1, Paperback 17,0 cm x 22,0 cm, 213 Seiten, 14,90 Euro

Der 36jährige Raumfahrtingenieur Aleksandr »Alek« Karpovitch aus St. Petersburg aus St. Petersburg reist mit seiner 11jährigen Tochter Elena ins Space Hilton, dem Luxushotel in der Erdumlaufbahn, um dort die Vorbereitungen für den Ausbau der Raumstation zu treffen. Dieser ist alles andere als ungefährlich, doch das Management hat sich über die Bedenken der Ingenieure hinweggesetzt. Kurz nach der Ankunft im Hotel entgehen Alek, Elena und 7 weitere Gäste nur knapp einem Anschlag, dem alle anderen Gäste und Angestellte an Bord zum Opfer fallen. Die Kämpfergruppe um Raziel will das Hotel in eine Waffenplattform verwandeln und kann keine Mitwisser gebrauchen. Ein gnadenloser Kampf ums Überleben und um die Zukunft der Erde beginnt...

Die kurze Zusammenfassung deutet bereits an, daß zu Anfang des Romans wenig geschieht, stattdessen werden Situation, Technologie und Hauptcharaktere vorgestellt. Es dauert 55 Seiten, ein Viertel des Buches, bis die Gruppe das Hotel schließlich erreicht hat. Auf Seite 99 schlagen die Kämpfer schließlich zu, so daß die erste Hälfte des Romans eher gemächlich daherkommt, während die zweite dann gute Spannung bietet. Das Buch hat damit meine 100-Seiten-Schonfrist auf der allerletzten Seite derselben gerade noch überstanden.

In der ersten Hälfte nimmt sich der Autor viel Zeit, Technologie und Personen vorzustellen. Die politische Lage bleibt allerdings eher unklar, deutlich wird allerdings, daß die Armen noch ärmer und die Reichen noch reicher geworden sind, auch scheint die Zahl diktaturähnlicher Regimes zugenommen zu haben. Dabei arbeitet Stefan Petersohn vor allem mit ausführlichen Beschreibungen und Dialogen, über die Gedankenwelt und Motive der Handelnden erfährt der Leser relativ wenig. Dadurch wirkt der Roman eher wie die gedruckte Version eines Films, die besonderen Möglichkeiten des Mediums Buch werden kaum genutzt. Dazu paßt, daß nach eigenem Bekunden im Forum des SF-Netzwerks der Autor kaum SF-Bücher, aber sehr viele SF-Filme gesehen hat. Dies hat seinen Schreibstil deutlich geprägt.

In der zweiten Hälfte spielt der Autor die Möglichkeiten seines filmähnlichen Erzählstils zum Vorteil des Romans aus. Machte das erste Viertel des Buches noch eher den Eindruck eines Dokumentarfilms und das zweite Viertel den einer Sitcom, geht es in der zweiten Hälfte klar in Richtung Actionfilm. Es gelingt Stefan Petersohn, einen Spannungsbogen zu erzeugen und bis zum Ende des Buches aufrechtzuerhalten, so daß das Buch nun kurzweilig zu lesen ist. Durch die detaillierten Beschreibungen kann sich der Leser die jeweilige Situation lebhaft bildlich vorstellen und somit noch besser mitfiebern. Die Handlung ist zwar weder neu noch SF-spezifisch, es werden jedoch etliche SF-Elemente, vor allem technischer Art, eingebaut.

Die Protagonisten werden nur oberflächlich charakterisiert und bleiben eher zweidimensional. Durch ihre Interaktionen untereinander werden sie dem Leser trotzdem nähergebracht. Es gibt auch ein paar gesellschaftskritische Anmerkungen im Buch, die nicht weiter aufgegriffen werden. Hier hätte ich mir eine bessere Präsentation gewünscht, da das Potential für Ironie oder Satire verschenkt wurde. Stefan Petersohn hat in seinen Forenbeiträgen zum Buch deutlichgemacht, daß er dies absichtlich so gehandhabt hat, da Ironie und Satire ihm nicht gefallen.

Die technische Entwicklung der nächsten 45 Jahre ist einer der Schwerpunkte des Romans und wird schlüssig aus bereits heute bekannten Verfahren und Prototypen hergeleitet. Auf echte Neuerungen verzichtet Stefan Petersohn nach eigener Aussage bewußt, da er extrapolieren und nicht fabulieren möchte. Er datiert seinen Roman auch mit Absicht auf das gleiche Jahr wie die Filme »Minority Report« und »Renaissance 2054«, um Parallelen herauszuarbeiten: Ein realistisch-pessimistisches Setting, das völlig durchkommerzialisiert ist, sichtbar vor allem an der häufigen Nennung von Marken- und Firmennamen. Mir sind nur 3 Dinge aufgefallen, die nicht so ganz passen: Feststoffbooster, wie sie auch für die derzeitigen Space Shuttles verwendet werden, lassen sich weder herunterregeln noch abschalten - einmal gezündet brennen sie ohne jede Einflußmöglichkeit konstant ab. Die durch Rotation erzeugte »Gravitation« läßt sich nicht plötzlich an- oder ausschalten, es dauert seine Zeit, die Rotation zu verringern oder zu erhöhen, da kein Zylinder aus einem derzeit bekanten Material die starken Torsionskräfte heil überstehen würde, außerdem würde beim Wiedereinschalten der Rotation schwebende Gegenstände und Personen nicht »zu Boden« (Außenhülle des Zylinders) fallen, sondern Bekanntschaft mit der nächsten Wand machen, die in sie hineinrotiert. Das Lasermesser mit der kurzen Klinge ist, wie mir Stefan Petersohn bestätigt hat, eine Hommage an »Star Wars«.

Die Sprache ist ordentlich, der Schreibstil insgesamt akzeptabel. Das Buch benötigt allerdings ein Korrektorat, speziell bezüglich der Kommata, von denen ich gern etliche mehr hätte. Der Schreibstil in der ersten Hälfte verlockt nicht besonders zum Weiterlesen, da würde ich mir Straffungen, mehr interessante Handlung und einen lebendigeren Erzählstil wünschen. Auch ein Spannungsbogen wäre hilfreich, um das Interesse des Lesers zu wecken und zu halten. Das Buch enthält eine kräftige Prise Humor, die sich vor allem in den Gesprächen und Interaktionen zwischen Alek und Elena sowie Alek und dem Werbefachmann Eric Gardner findet. Wiewohl dieses Gefrotzel nicht besonders mein Geschmack ist, gibt es sicher viele Leser, denen dies gefallen wird. Mir persönlich haben die ungewöhnlichen Vergleiche sehr gefallen, von denen es leider nur ein paar im Buch gibt. Wenn jemand unvermittelt auftaucht wie Moses vom Berg Sinai samt Gebotstafeln, finde ich das einfach köstlich.

Fazit: Ein Buch, das nur langsam in Fahrt kommt, um in der zweiten Hälfte flott und spannend erzählt zu werden. Zukünftige Technologien werden sorgfältig aus dem heutigen Wissen abgeleitet. Für ein Werk, das vollständig in Eigenregie ohne professionelles Lektorat erstellt wurde, liegt hier eine ordentliche Leistung vor. Freilich gibt es viel Raum für Verbesserungen, so daß ich auf ein besseres nächstes Werk von Stefan Petersohn hoffe. Insgesamt lesbar und akzeptabel.


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Erstellt am Do, den 20.08.2009 von Martin Stricker.
Zuletzt geändert am Do, den 20.08.2009 um 22:29.